Das Kreisschreiben von 1822

Mit dem Kreisschreiben (= Rundschreiben) wurden die Offiziere über das bevorstehende Militärfest informiert und eingeladen.

Originaltext in leicht gekürzter Fassung




Liebe und getreue Brüder
 
Einen frohen Tag zu feiern im freudigen Gefühle der Freiheit und des gemeinvaterländischen Wohls, ergeht an Euch, eidsgenössische Waffenbrüder, ein nachbarlich treulicher Ruf! Höret ihn günstig an, und indem Ihr die Einladung empfanget, zieret durch Eure Gegenwart ein Fest, das wechselseitiger Verbrüderung geweiht sein soll. In herzlicher und freundschaftlicher Vereinigung gilt es, ein ächt schweizerisches Mahl zu halten, dem theuren freien Vaterlande und unsern ewigen Bünden ein kräftiges Lebehoch unter Jubelliedern zu bringen, und, Brüder und Freunde! die Wurzeln reichlich zu begiessen, mit welchen der Stamm unseres Gemeinwesens in die Erde greift.


Wenn wir erkennen, theure Gefährten! dass im Sturme drohender Zeiten die göttliche Vorsehung weniger unsere Standhaftigkeit zu erproben, als die Mittel uns zu zeigen schien, wie wir künftiger Gefahr uns gerüstet entgegenwerfen können, so dürfen wir auch der frohen Gewissheit leben, dass Erfahrung ihre wohlthätigsten Warnun-gen nicht an uns nutzlos verschwendet hat; wir danken ihr die siegende Ueberzeugung, dass nur das Aneinanderhalten den alten Ruhm zu bewahren, die Freiheit zu schützen, im Stande sei; wir danken ihr die segenreiche Anordnung der Landesväter, welche uns Alle unter Einer Bundesfane vereinigt. Ja, Eidsgenossen! wir bilden ein Heer, zu schirmen unsere Freiheit und die heilige Friedsamkeit unsers Bodens; wir begegnen uns von nun an in Lagern, im Felde, auf Uebungsplätzen, in ernsten Tagen, aber auch an frohen Festen und bei freudigen Anlässen, auf dass überall unsere Gesänge, unsere Becher in einander klingen, und beim Anblick vereinter rüstiger Wehrmannschaft jeder frohe, hochherzige Sinn sich vervielfache durch erhöhtes Selbstvertrauen und Kraft.








 
Entspricht denn, Brüder! unserer freundlichen Ladung, und treffet wo möglich ein zum anspruchlosen und einfachen Feste. Wir harren mit Ungeduld des schönen Tages, der uns vereinigen wird; wir geniessen im Voraus die freudige Hoffnung, alle Freunde zu umarmen, und die vaterländischen Waffengenossen in Rüstung zu erblicken; wir freuen uns, neue Bande zu knüpfen, und zu wechseln mit Allen den heiligen Handschlag, Einigkeit, Freiheit und Treue zu handhaben, so lange das ewige Eis die Firnen unserer Alpen bedeckt.




Das Original-Kreisschreiben von 1822. Für eine Vergrösserung bitte Bild einmal anklicken.



Die Zitate sind aus Festreden, die am Offiziersfest 1822 gehalten wurden.